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Das alte Haus brennt ab

Ich lag noch im Bett und wurde durch ein seltsames Ploppen wach. Es machte immer wieder "plopp", "plopp" und ich wusste nicht, woher das kam. Ich stand auf, öffnete die Türe zum Flur und hörte wieder dieses Geräusch. Direkt neben der Türe befand sich der Sicherungskasten und dort flogen gerade alle Sicherungen raus. Dann bemerkte ich den Rauch im Flur, es war Geschrei im Haus und ich ging an die Treppe, die nach unten führt. Am Absatz blieb ich stehen und sah eine meiner Schwestern, die die Türe zur Küche öffnete. Vorher sah ich noch, dass unter der Türe Rauch in den Flur drang. Sie öffnete diese Türe und wurde fast von den Flammen erfasst, die aus der Küche loderten. Sie konnte sich gerade noch mit einem Sprung nach hinten vor den Flammen retten. Heinz-Willi schien noch drin zu sein, meine Schwester rief verzweifelt seinen Namen. Ich rannte ins Zimmer zurück und schloss instinktiv die Türe. Stefan war wach und ich sagte ihm, dass es brennt. Das Haus brennt! Wir warteten eine Weile, es kam aber niemand. Quälende Minuten lang kam einfach niemand. Keine Ahnung, ob ich Angst hatte, aber wir konnten nicht mehr in den Flur. Da war inzwischen so viel Rauch und der nahm einem den Atem, er kratzte im Hals. Ich entschloss mich etwas zu unternehmen und öffnete das Fenster. Direkt vor dem Fenster stand eine alte, sehr hohe Tanne, etwa drei Meter entfernt und ich überlegte, ob ich es schaffe, dort hinüberzuspringen. Wenn ich einen der Äste erwischen könnte, dann würde ich nicht auf den Boden aufschlagen. Ich wollte aber nicht alleine springen, ich nahm meinen großen Teddy mit. "Wenn ich unten bin", sagte ich zu Stefan, "dann machst Du das Gleiche. Ich fange dich auf!" Er schaute mich ängstlich an. "Keine Angst, ich fange dich auf, ich schaffe das, ich lasse dich nicht im Stich!" Lieber ein Bein gebrochen als lebendig zu verbrennen! Ich umklammerte fest meinen Teddy, kletterte auf das Fensterbrett und versuchte mich für den Sprung etwas aufzurichten.

In dem Moment, als ich springen wollte, wurde ich nach hinten gerissen. Udo hatte meinen Absprung im letzten Moment verhindert. Er trug mich an den oberen Absatz der Treppe und schmiss mich und meinen Teddy mit Schwung nach unten. Dort stand Heinz-Willi, der mich auffing und nach draußen trug. Er stellte mich mitten auf der Straße ab, Minuten später war auch Stefan da. Die Nachbarn liefen zusammen, ich umklammerte meinen Teddy und fing an zu frieren. Wir standen barfuß, nur im Schlafanzug auf der Straße. Es war furchtbar kalt. Nach einer Ewigkeit hörte ich die Sirenen der Feuerwehr, und als sie eintraf, brannte der Dachstuhl und die rechte Seite des Hauses bereits lichterloh. Es lag Schnee, Nachbarn legten eine Decke um meine Schultern, brachten ein paar Schuhe für meine nackten Füße. Doch wo war Mutter? Ich sah mich um, sie war nicht da. Alle sind da, nur Mutter nicht. Ein Nachbar, Herr Fingermann, ging ins brennende Haus und kam nach einer Weile, mit Mutter über der Schulter, wieder raus. Sie bestreitet das bis heute, aber die gute, alte Frau Fingermann hat mir das bestätigt! Wir wurden zu den Nachbarn in die Stube geführt, wärmten uns auf. Vom Hausbrand bekam ich nicht mehr viel mit, ich schlief bald ein.

hausbrand
© Badische Zeitung vom 8. Januar 1973

Am nächsten Morgen wachte ich auf und kannte mich nicht mehr aus. Wo war ich? Hatte ich einen bösen Traum? Doch ich habe auf einer fremden Couch, in einem fremden Wohnzimmer geschlafen. Um mich herum lag meine Familie, ich schaute, es waren alle da. Ich stand auf und ging zum Fenster. Unser Haus war weg. Komplett weg. Es waren nur noch ein paar Mauerreste übrig, vom ersten Stock nur ein kleines Stückchen, dort hing, an einer letzten verbliebenen Bohle, ein verkohlter Herd. War wohl doch kein Traum! Es roch nach Rauch, die Feuerwehr war noch da, die hielten Brandwache. Es rauchte noch aus den Trümmern. Langsam wurden alle wach und wir sahen uns an. Was jetzt? Wir hatten nichts mehr, alles war verbrannt. Alles! Mutter konnte mehrere Fotoalben retten! Fotoalben! Das muss man sich mal vorstellen, die komplette Bude brennt ab und Mutter rettet ein paar Fotoalben!

Die Gemeinde brachte uns zunächst im einzigen Wirtshaus unter. Dort bekamen wir zwei Zimmer und warme Mahlzeiten. Niemand war besorgt darüber, dass ich nicht mehr sprach. Wird wohl der Schock sein. Auch Mutter war nicht besorgt, das Leben ging einfach so weiter. Das Haus war versichert, kein Problem. Wir hatten alles verloren, alles. Keine Möbel mehr, keine Kleidung, keine Schuhe, kein Spielzeug, keine Papiere mehr. Alles weg. Verbrannt. Trotzdem ging es einfach weiter, und ich hatte den Brand so schnell vergessen, wie die Hütte runtergebrannt war. Nur gesprochen habe ich nichts mehr. Monatelang kein einziges Wort.

Die angelaufene Hilfsaktion des Ortes war beispiellos, das Spießrutenlaufen für uns Kinder danach auch. Manches Kind in meinem Alter erkannte seine Hose, seine Jacke, seine Schuhe oder sein Hemd an mir wieder. Nicht selten hatte man mir das Kleidungsstück dann einfach wieder weggenommen, dann stand ich in klirrender Kälte ohne Jacke da. War ja nicht meine, war nur geliehen. Gab ich das Kleidungsstück nicht freiwillig heraus, hagelte es Schläge und Tritte. Meine Mutter wollte von alledem nichts wissen, ihre Meinung war ich müsse mir da selbst helfen.

Die Gemeinde brachte uns dann im "Gemeindehaus" unter, drei Zimmer, Küche, eine Toilette, und, wenn ich mich richtig erinnere, kein Bad. Die Bürger spendeten eine Zeit lang Möbel, Kleidung, Essen. Die Hänseleien der anderen Kinder wurde immer schlimmer und endeten nicht selten in Hetzjagden durch den Ort, bis ich wieder sicher im Hausflur war. Kinder können grausam sein, warum sollte das in Hürrlingen anders sein? Nur Michael, ein Nachbarsjunge, der war in Ordnung. Sein Vater bewirtschaftete einen Hof in der Nachbarschaft und hat mich immer mit Respekt behandelt. Er machte mir mal ein Schwert aus Holz. Die Oma hatte immer was zu Essen für mich, tagsüber durfte ich kommen und gehen, wann ich wollte. Die Mutter war immer freundlich und nett. Michael, danke! Ist lange her, aber schau, Deinen Namen kenne ich noch, ich habe Dich nie vergessen. Du warst mir der einzige Freund in dieser Zeit, Du hast als Einziger zu mir gehalten.

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